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Technischer Leitfaden

Stiftschrauben-Drehmomenttabelle: ASME B16.5-Flanschverschraubung Klasse 150 bis 2500

2026-05-22·10 min

Warum das Drehmoment entscheidend ist: Die Verbindungsintegritätsgleichung

Leckagen an Flanschverbindungen sind die häufigste Ursache für ungeplante Prozessabstellungen in Raffinerien und Petrochemiewerken. Die meisten Lecks entstehen nicht durch fehlerhafte Dichtungen oder minderwertige Schrauben — sondern durch falsche Schraubenvorspannung. Zu wenig Drehmoment lässt die Dichtung unterkomprimiert und anfällig für Leckagen bei Temperaturwechseln; zu viel Drehmoment überstreckt die Stiftschraube und reduziert dauerhaft die Klemmkraft.

Die Drehmoment-Vorspannungs-Beziehung

Das aufgebrachte Drehmoment (T) wird über folgende Beziehung in Schraubenvorspannung (F) umgewandelt:

T = K × F × d

Dabei gilt:

  • T = aufgebrachtes Drehmoment (N·m oder ft·lbf)
  • K = Mutternfaktor (Drehmomentenkoeffizient — berücksichtigt Gewindereibung und Auflageflächen-Reibung)
  • F = Schraubenzugkraft (N oder lbf)
  • d = Nennschraubendurchmesser (m oder Zoll)

Der Mutternfaktor K ist die entscheidende Variable. Er reicht von ca. 0,08 (gut geschmierte PTFE-beschichtete Schrauben) bis 0,25 (trockene, ungeschmierte Gewinde). Ein falscher K-Wert kann dazu führen, dass die tatsächliche Schraubenspannung bei gleichem Drehmoment 50–100% vom Sollwert abweicht.

Typische Mutternfaktorwerte

BedingungK-FaktorDrehmoment ggü. geschmierten Basiswert
PTFE/Xylan-Beschichtung (z. B. Xylan 1424)0,08–0,10–25 bis –35% Drehmoment erforderlich
Molybdändisulfid (MoS₂)-Paste0,12–0,14–10 bis –20% Drehmoment erforderlich
Öl oder leichtes Maschinenfett0,15–0,18Basisreferenz
Zinkhaltige Gewindeschmierung (Jet-Lube, Copperslip)0,17–0,20+5 bis +15% Drehmoment erforderlich
Feuerverzinkt (HDG), keine zusätzliche Schmierung0,20–0,22+15 bis +30% Drehmoment erforderlich
Trocken, ungeschmiert (blanker Kohlenstoffstahl)0,20–0,25+25 bis +60% Drehmoment erforderlich

ASME B16.5-Stiftschrauben-Drehmomentreferenztabelle (ASTM A193 B7 / A194 2H)

Die folgenden Drehmomentwerte sind für ASTM A193 B7-Stiftschrauben mit A194 2H-Sechskantmuttern berechnet, Zielvorspannung 50% der Mindeststreckgrenze (SMYS = 105 ksi = 724 MPa) — konservativer Ausgangswert nach ASME PCC-1 Anhang J. Schmiermittelannahme: leichtes Öl oder Anti-Seize-Verbindung, K = 0,17.

FlanschgrößeKlasse 150Klasse 300Klasse 600Klasse 900Klasse 1500Klasse 2500
Format: Schraubengröße × Anzahl → Zieldrehmoment (N·m) bei 50% SMYS, K=0,17
1" NPS½" × 4 → ~45½" × 4 → ~45⅝" × 4 → ~85¾" × 4 → ~150⅞" × 4 → ~2301" × 4 → ~350
2" NPS⅝" × 4 → ~85⅝" × 8 → ~85¾" × 8 → ~150⅞" × 8 → ~2301" × 8 → ~3501¼" × 8 → ~680
4" NPS⅝" × 8 → ~85¾" × 8 → ~150⅞" × 8 → ~2301⅛" × 8 → ~4901¼" × 8 → ~6801½" × 8 → ~1.180
6" NPS¾" × 8 → ~150¾" × 12 → ~1501" × 12 → ~3501¼" × 12 → ~6801⅜" × 12 → ~9201¾" × 12 → ~1.800
8" NPS¾" × 8 → ~150¾" × 12 → ~1501⅛" × 12 → ~4901¼" × 12 → ~6801½" × 12 → ~1.1802" × 12 → ~2.700
10" NPS⅞" × 12 → ~2301" × 16 → ~3501¼" × 16 → ~6801⅜" × 16 → ~9201¾" × 16 → ~1.8002½" × 12 → ~5.100
12" NPS⅞" × 12 → ~2301" × 16 → ~3501¼" × 20 → ~6801½" × 20 → ~1.1802" × 20 → ~2.7003" × 12 → ~8.800

Hinweis: Diese Drehmomentwerte sind lediglich Richtwerte. Die endgültigen Drehmomentziele müssen durch ein formales Flanschmanagementverfahren nach ASME PCC-1 unter Berücksichtigung von Dichtungstyp, Flanschdichtflächenrauheit, Betriebstemperatur und tatsächlichen Schraubenchargen-Zugfestigkeitseigenschaften festgelegt werden.

ASME PCC-1-Kreuzanzugsequenz

Das Anziehen im einfachen Uhrzeigersinn führt zu ungleichmäßiger Dichtungsbelastung. Die ASME PCC-1-Kreuzanzugsequenz (Sternmuster) gewährleistet gleichmäßige Dichtungseinpressung:

  1. Durchgang 1 — Voranziehen (~20% des Zieldrehmoments): Schrauben von 12-Uhr-Position beginnend nummerieren. Im Kreuzmuster anziehen, bis Flanschflächen aufeinanderliegen.
  2. Durchgang 2 — 50% des Zieldrehmoments: Kreuzsequenz bei 50% des endgültigen Zieldrehmoments wiederholen.
  3. Durchgang 3 — 100% des Zieldrehmoments: Kreuzsequenz bei 100% des Zieldrehmoments wiederholen.
  4. Durchgang 4 — Überprüfung (Uhrzeigersinn): Abschließende Überprüfung im Uhrzeigersinn bei 100% Drehmoment. Bei Spiraldichtungen typisch 2–4 Durchgänge; bei RTJ bis zu 6.

Heiß-Nachziehen und thermisches Nachziehen

Dichtungswerkstoffe — insbesondere Spiraldichtungen — erfahren im ersten Wärmezyklus eine Spannungsrelaxation von 10–30%. ASME PCC-1 empfiehlt ein Heiß-Nachziehen nach dem ersten Erreichen der Betriebstemperatur. Dies ist für Klasse 600 und höher sowie alle Spiraldichtungsanwendungen bei den meisten großen Betreibergesellschaften obligatorisch.

Hydraulische Schraubenspannung vs. Drehmomentschlüssel

Für Flansche der Klasse 900 und höher sowie für alle großdurchmessrigen oder sicherheitskritischen Verbindungen wird hydraulische Schraubenspannung gegenüber dem Drehmomentschlüssel bevorzugt. Spannen bringt direkte Axialkraft auf — eliminiert K-Faktor-Unsicherheit — und erreicht eine Schraubenlastgleichmäßigkeit von ±5% gegenüber ±25–35% beim Drehmomentschlüssel.

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