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Technischer Leitfaden

Anzugsdrehmoment vs. Schraubenvorspannkraft: Flanschdichtheit in der Praxis

2026-05-10·11 min

Die Grundgleichung: T = K × d × F

Die Integrität jeder Flanschverbindung hängt von einer präzisen und reproduzierbaren Schraubenvorspannkraft ab. Das Anzugsdrehmoment allein ist kein verlässliches Maß für die tatsächliche Vorspannkraft. Entscheidend ist das Verständnis der Drehmomentverstärkungsgleichung (Motosh-Gleichung): T = K × d × F, wobei T das Anzugsdrehmoment (Nm), K der Gesamtreibungskoeffizient (Mutternfaktor), d der Schraubennennduchmesser (m) und F die Schraubenvorspannkraft (N) ist.

Der K-Faktor und sein Einfluss auf die Vorspannkraft

Der K-Faktor variiert erheblich mit dem Oberflächenzustand der Schraube. Bei identischem Anzugsdrehmoment kann eine Abweichung im K-Faktor von ±0,03 eine Vorspannkraftabweichung von ±20 % verursachen:

Oberfläche / SchmierstoffK-Faktor (typisch)
PTFE/Xylan-Beschichtung0,10–0,13
Molykote / Kupferpaste0,13–0,15
Galvanisch verzinkt, geölt0,15–0,17
Blank / unbehandelt0,15–0,20
Feuerverzinkt, trocken0,18–0,22
Oxidiert / verrostet0,25–0,35+

LOKRON empfiehlt, für jede kritische Flanschanwendung einen Drehmomentkalibrierungsversuch (Torque-Tension Test) nach ASTM F2832 durchzuführen und den tatsächlichen K-Faktor der verwendeten Schrauben-Beschichtungs-Kombination experimentell zu bestimmen.

ASME PCC-1:2022 — Leitfaden für Flanschverbindungen

Die ASME PCC-1:2022 "Guidelines for Pressure Boundary Bolted Flange Joint Assembly" ist der international anerkannte Standard für die praktische Ausführung von Flanschverbindungen. Er definiert Mindestanforderungen für Werkzeugkalibrierung, Anziehabfolge und Qualifikation des Personals.

Vier-Durchgang-Kreuzanzug (Cross-Bolting)

Asymmetrisches Anziehen führt zu ungleichmäßiger Flächenpressung auf der Dichtfläche und begünstigt Leckagen. ASME PCC-1 schreibt für alle Klasse-300+-Flansche eine standardisierte Anziehabfolge vor:

  • Durchgang 1: Alle Schrauben handfest anziehen (Gewindegängigkeitsprüfung)
  • Durchgang 2: Kreuzweise auf 30 % des Zieldrehmoments anziehen
  • Durchgang 3: Kreuzweise auf 70 % des Zieldrehmoments anziehen
  • Durchgang 4: Kreuzweise auf 100 % des Zieldrehmoments anziehen
  • Abschluss: Rotationsprüfung (keine Schraube darf sich noch drehen lassen)

Bei Spiral-Wound-Dichtungen (SWG) und Metallring-Dichtungen (RTJ) kann ein fünfter Durchgang bei 100 % erforderlich sein, um die vollständige Dichtungsverformung sicherzustellen.

Werkzeugkalibrierung nach ASME PCC-1

ASME PCC-1:2022 fordert eine Werkzeugkalibrierung mit einer Genauigkeit von ±4 % des Zieldrehmoments. Drehmomentschlüssel sind gemäß ISO 6789 mindestens einmal jährlich oder nach 5000 Anzügen zu kalibrieren. Die Kalibrierzertifikate sind dem Montagedokument beizufügen. LOKRON stellt auf Anfrage empfohlene Anzugsdrehmomenttabellen für alle gelieferten Schraubengrößen und -güten bereit.

Hydraulisches Anziehen für große Flansche (Klasse 600+, DN 200+)

Bei Nenndruckklassen ab 600 lbs und Nennweiten ab DN 200 erreichen die erforderlichen Schraubenvorspannkräfte Werte, die mit Handdrehmomentschlüsseln nicht mehr zuverlässig erzielt werden können. Hydraulische Schraubenspanngeräte (Hydraulic Bolt Tensioners, HBT) bieten entscheidende Vorteile:

  • Direkte Krafteinleitung ohne Reibungseinfluss (K-Faktor irrelevant)
  • Erreichbare Vorspannkräfte bis 95 % der Streckgrenze
  • Gleichzeitiges Anziehen mehrerer Schrauben (Mehrstellen-Tensioner)
  • Genauigkeit: ±2 % der Zielvorspannkraft

LOKRON empfiehlt hydraulisches Anziehen für alle Flanschverbindungen ab Klasse 600 und DN 200 sowie für alle Wasserstoff-führenden Leitungen unabhängig von Druck und Nennweite.

Nachanzug bei Hochtemperaturanwendungen

Bei Betriebstemperaturen über 300 °C kommt es in den ersten Betriebsstunden durch Kriechrelaxation, thermisches Setzen und Dichtungskonsolidierung zu einem merklichen Vorspannkraftverlust. ASME PCC-1 und ASME B31.3 schreiben für diese Fälle einen Nachanzug (Hot Torquing) vor:

  • Erster Nachanzug nach dem ersten Aufheiz-Abkühl-Zyklus
  • Zweiter Nachanzug nach dem dritten Betriebszyklus (falls Betriebstemperatur >400 °C)
  • Dokumentation aller Nachanzüge im Flanschmontageprotokoll

LOKRON-Schrauben aus B16 und B7 Cr-Mo-Stahl zeigen deutlich geringere Kriechrelaxationsraten als kohlenstoffarme Standardschrauben, was die Intervalle zwischen Nachanzügen verlängert.

Qualifikation des Montagepersonals

ASME PCC-1:2022 empfiehlt die Qualifikation des Montagepersonals nach dem ASME-PCC-1-Trainings- und Zertifizierungsprogramm. Qualifizierte Monteure (Bolting Specialist Level 1 oder 2) reduzieren nachweislich die Leckagerate an Flanschverbindungen um 60–80 % gegenüber unqualifiziertem Personal. LOKRON stellt auf Anfrage technische Schulungsunterlagen zu Drehmomentverstärkung, K-Faktoren und Anziehabfolge bereit und unterstützt seine Kunden bei der Implementierung von ASME-PCC-1-konformen Montageprozessen.

torquetensionflange assemblyASME PCC-1bolt loadjoint integrity

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